þingvellir

Noch einmal sollte uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen! So studierten wir sorgfältig die Wettervorhersage fürs Wochenende. Dichte Bewölkung ohne Niederschlag – was will man mehr! Also mieteten wir am Samstag erneut ein Auto, um diesmal tatsächlich den Goldenen Zirkel zu erkunden. Schon am Morgen zeigte sich, dass man Wetterberichten nicht trauen kann: Von wegen Wolkendecke! Schon bei unserem Aufbruch in Reykjavík kündigte die Sonne am strahlend blauen Himmel einen herrlichen Wintertag an.

Beim Blick in die þingvellir-Ebene mit dem gefrorenen See þingvallavatn (der größte Islands), der als schneeweiße, unbefleckte Fläche vor uns liegt, fühle ich mich ein wenig wie ein Arktis-Reisender, der Ausschau nach Eisbären hält…

Am Rand des Tales, wo Amerika und Europa auseinanderdriften, erhebt sich eine Wand aus Basaltklötzen – die Almannagjá (Allmännerschlucht). Der Name erinnert daran, dass sich hier früher die isländischen Männer zum ersten Parlament der Neuzeit versammelten.

Aus jener Zeit sind noch einige Ruinen erhalten, die allerdings von der dicken Schneedecke gut verborgen werden. Sichtbar ist eine kleine Kirche, die nach der Christianisierung Islands (die ebenfalls beim Thing-Treffen beschlossen wurde) als Zufluchtsort bei schlechtem Wetter diente.

Wir machen uns auf den Weg zum nächsten Punkt des Goldenen Zirkels: Zum Gullfoss. Dabei folgen wir aber zuerst dem þingvellir, das laut Reiseführer reich bewachsen ist, was man auch im Winter gut erkennt.

Eine kleine Schotterstraße führt von der asphaltierten, der wir bisher gefolgt sind, in Richtung Gullfoss und Geysir. Leider erwartet uns bereits an der Kreuzung der Hinweis, dass sie derzeit impassable sei. Etwas ratlos stehen wir mit unserem geländeuntauglichen Kleinwagen vor der gut 30 cm tief verschneiten Straße. An uns fahren regelmäßig Geländewagen vorbei. Allerdings halten die meisten nur, um Schneemobile abzuladen. Lediglich eine Kolonne der Icelandic Mountain Guides fährt weiter. Allerdings besteht diese auch aus vierradgetriebenen Geländewagen mit gut einen Meter durchmessenden Rädern, die die Karosserie weit über den Boden heben und neben denen man sich sehr klein vorkommt.

Unsere hilflosen Blicke auflesend, bietet ein britisches Paar in einem gemieteten Geländewagen an, mit uns über die Schneepiste zu manövrieren („We`ll try.“). Das alleine ist schon ein kleines Abenteuer: Während der Fahrer offensichtlich genießt, beim Schlingern auf der kurvenreichen Strecke zu beweisen, dass er ein richtiger Mann ist, wirft seine Freundin mit zunehmender Nervosität gute Hinweise ein. Allerdings kommen wir auch mit ihrem Auto nur bis zu der Stelle, in der die tief verschneite asphaltierte Straße in die tief verschneite Schotterpiste übergeht, auf der die Reifen überhaupt nicht mehr greifen. Während sie drohen, sich im Schnee einzuwühlen und steckenzubleiben und die Ausrufe der Frau („Don’t! Not this way! Or we’ll never come out!“) beginnen panisch zu werden, ernten wir mitleidige Blicke von zwei Männern, die gerade ihre Schneemobile startklar machen. Doch souverän und ohne sich von den Kommentaren seiner Nebensitzerin aus dem Konzept bringen zu lassen, wendet der Brite und setzt uns heil wieder an unserem Auto ab.

Etwas enttäuscht doch auch erleichtert, in Gedanken schon beim Mittagessen, dass wir gleich im warmen Auto mit Blick über das Tal genießen werden, steigen wir aus, winken ein letztes Mal. Doch dann…

„Wo ist der Autoschlüssel?“ Ich (Karl) hatte ihn in der Tasche, jetzt ist er nicht mehr da. Zunehmend panisch durchwühle ich Hose, Jacke, ein zweites, ein drittes mal. Der Schlüssel bleibt verschwunden. Wir rekonstruieren die letzten 15 Minuten. Er kann nur beim Einsteigen in den Geländewagen oder beim Aussteigen verloren gegangen sein. Da wir ihn nicht mehr finden, ist er entweder tief im Schnee vergraben oder – wahrscheinlicher – liegt auf der Rückbank der beiden Briten, von denen wir nur die Vornamen kennen, nicht aber die Telefonnummer oder den Namen ihrer Autovermietung.

Also was tun? Glück im Unglück haben wir – denn mein Handy ist in meiner Hosentasche und es hat auch Empfang. Wir stehen im Sonnenlicht, es weht kaum Wind und ich habe den Rucksack mit dem Tagesproviant auf dem Rücken – samt einer Thermoskanne mit heißem Tee. Ein Schild direkt vor uns macht eine punktgenaue Ortsbestimmung möglich. Also rufen wir die Autovermietung an, die uns versichert, dass uns jemand problemlos den Zweitschlüssel vorbeibringen kann.

57 Kilometer bis Reykjavík: Etwa 30 Minuten nach dem Anruf biegt der Wagen des Autovermieters um die Kurve, welcher uns durch die Scheibe angrinst. Wir haben den Eindruck, dass so etwas nicht das erste Mal passiert ist. Und es scheint kein so großes Problem zu sein, immerhin dürfen wir weiterfahren (mehr dazu im nächsten Eintrag).

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3 Kommentare zu “þingvellir”

  1. Hmm, ich dachte ich hätte meinen Kommentar eben abgeschickt, aber scheint nichts angekommen zu sein – naja, nochmal:
    http://www.vegagerdin.is/english/road-conditions-and-weather/the-entire-country/island1e.html studieren bevor man losfährt könnte helfen, damit man nicht unversehens vor ’ner geschlossenen Straße steht – sorry, konnt’s mir nicht verkneifen ;)

    Ich lese Dein hervorragendes Blog regelmäßig mit Begeisterung – weiter so! :) Insbesondere die Kombination von immer interessantem Text und den Bildern gefällt mir sehr.

    Island durfte ich zuletzt für eine (Urlaubs-)Woche im Februar live erleben, die beiden Jahre zuvor war ich jeweils im Sommer dort. Ein Traum-Land, wo es einen irgendwie immer wieder hinzieht – da beneide ich Dich schon ein bisschen, dass Du dort studieren kannst. :)

  2. […] Ausstrahlung großer Zuverlässigkeit? Wie dem auch sei, ungeachtet unseres etwas anderen “Schlüsselerlebnisses” bekam er von der Autovermietung das Angebot, nach Ostern einen Wagen mit Vierradantrieb zum Preis […]

  3. […] Der geneigte Leser erinnert sich vielleicht: Im März waren wir bei ziemlich klirrender Kälte, viel Schnee und etwas unbedacht ins Thingvellir gefahren. Auf der Reise hatte ich den Schlüssel des Mietwagens verloren – aber das ist eine andere Geschichte. […]

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