Erfahrungsbericht

Einleitung

Etwa ein Jahr vor dem Beginn des Auslandssemesters begann ich, mich intensiv auf den Aufenthalt vorzubereiten, über das kleine Land im Nordatlantik zu lesen und belegte einen Isländischkurs an der Volkshochschule Tübingen. Auch wenn ich eine Idee von dem ins Flugzeug nahm, was mich erwarten würde, wurden meine Erwartungen übertroffen. Island ist ein spannendes Land und lohnenswert für ein Auslandsstudium – und Reykjavik besitzt auch im Winter eine hohe Lebensqualität. Ich entschied mich, im Frühlingssemester am englischsprachigen Programm für Austauschstudenten in den Geowissenschaften teilzunehmen. Den Austausch machte ich über ein bilaterales Abkommen zwischen der Universität Island (Háskóli Íslands) und der Universität Tübingen.

Das Land

Island ist ein Land der Extreme: Das am dünnsten besiedelte Land Europas (es sind nur die Küstenregionen bewohnt), die höchste Geburtenrate Europas nach der Türkei, eines der höchsten Einkommens- und Preisniveaus der Welt. Eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt wird auf selbst in kleinsten Orten vorhandene Thermalbäder und nicht vorhandene industrielle Verschmutzung von Luft und Wasser zurückgeführt. Island ist auch die größte Vulkaninsel der Welt und besitzt dutzende aktive Vulkane, die teilweise vergletschert sind. Naturkatastrophen gehören für viele Isländer zum Alltag.

Klima

Schneechaos und Sonnenschein in ReykjavíkEs ist schwer, isländisches Wetter mit deutschen Begriffen zu beschreiben. Die Insel liegt knapp unterhalb des Polarkreises, besitzt aber durch den Einfluss des Golfstroms ein mildes Klima. Gleichzeitig sorgen starke Winde für schnelle Wetterwechsel, die manchmal im Fünfminutentakt vor sich gehen. Wechsel zwischen Schnee, Sonne und Regen innerhalb weniger Minuten kommen oft vor. Die Lufttemperatur im Winter ist nicht kälter als in Deutschland. In meiner Zeit zwischen Januar und April gab es regelmäßig Schnee, was für die Isländer aber ein besonders harter Winter war. Wichtig war es vor allem, sich gut vor dem berüchtigten isländischen Wind zu schützen.

Kultur

Isländer sind ein stolzes Volk. Oft können sie ihren Stammbaum bis in die Zeit der Landnahme im achten Jahrhundert zurückverfolgen. Die isländische Sprache hat sich seit dieser Zeit kaum verändert und wird heute aktiv vor ausländischen Einflüssen geschützt. Dies macht es auf den ersten Blick schwierig, die isländische Sprache zu lernen. Als germanische Sprache ist die Sprachstruktur jedoch dem deutschen sehr ähnlich und mit etwas Übung lassen sich viele Parallelen zu englischen und deutschen Worten finden. Leider gelang es mir nicht, bis zum Ende meines Aufenthalts fließend isländisch zu sprechen. Allerdings sprechen Isländer jeden Alters und überall im Land ein sehr gutes Englisch, so dass es kaum Verständigungsprobleme gab.

Austauschprogramm

Island ist mit großen Gletschern und Eiskappen aktivem Vulkanismus und einer geologisch sehr jungen Landschaft ist ein ideales Ziel für das Geologiestudium. Leider unterhält die Fakultät für Geowissenschaften in Tübingen keinen direkten Kontakt nach Reykjavík im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms. Die Möglichkeit, als free mover über die skandinavistische Fakultät daran teilzunehmen, war 2008 aufgrund hoher Teilnehmerzahlen nicht möglich, ist aber generell eine Option. Vom Akademischen Austausch wurde ein weiteres bilaterales Abkommen mit der Zieluniversität geschlossen, über das jährlich vier Studenten nach Island gehen können. Diese Möglichkeit nahm ich wahr.

Universität von Island

Die Háskóli Íslands (Universität von Island) ist mit über 10.000 Studenten die größte Hochschule des Landes. Bereits im Vorfeld musste ich mich über ein Internetformular (englisch) registrieren und konnte dabei auch angeben, ob ich Unterstützung bei der Suche nach einer Unterkunft benötige. Dabei hatte ich die Wahl zwischen einem Einzel- oder Zweibettzimmer. Einen Monat vor Beginn des Studiums erhielt ich mit der Post weiteres Informationsmaterial mit Hilfe für die ersten Schritte in Island, dem Geldbedarf, den wichtigsten Ansprechpartnern und einem Stadtplan.

Erste Schritte

Anfang Januar wurde für alle Austauschstudenten eine Einführungsveranstaltung abgehalten, die ich durch meinen verspäteten Flug verpasste. Ich erhielt dennoch einen schnellen Einstieg in das Universitätsleben über den Kontakt zu anderen Austauschstudenten.

Die ersten Schritte in Island dienen wohl wie überall vor allem dafür, die Bürokratie zu befriedigen. Die persönliche Identifikations-Nummer Kennitala muss beim „Meldeamt“ beantragt werden und erst wenn man diese nach wenigen Tagen erhält, kann man sich für die Internetsysteme der Universität anmelden. Diesen Zugang benötigt man, um sich für Vorlesungen einzutragen und in Kontakt mit Dozenten treten zu können. Auch wenn die Bändigung der Bürokratie für mich zuerst etliche Fragen aufwarf, war es kein Problem, sowohl bei den Meldebehörden als auch im Studierendensekretatiat auf englisch alle auftretenden Fragen zu klären.

Das Büro für internationalen Austausch kümmerte sich während der gesamten Zeit intensiv um die Bedürfnisse der Austauschstudenten. So wurde uns bereits vor der Ankunft in Island ein einheimischer Kontaktstudent zugewiesen. Daneben gab es regelmäßig eintägige Exkursionen in die Umgebung der Hauptstadt, auf der man andere Austauschstudenten und die isländische Landschaft kennenlernen konnte. Der erste Ausflug schon in der dritten Semesterwoche führte hinaus auf die Reykjanes-Halbinsel und in das berühmte Thermalbad Blaue Lagune.

Lehre

Askja, Fakultät für Erdwissenschaften

Die Universität von Island ist im Bereich der Geowissenschaften sehr gut ausgestattet. Das moderne und erst kürzlich bezogene Fakultätsgebäude ist sehr ansprechend gestaltet und hilft mit großen geschwungenen Fenstern, einer eigenen Cafeteria und gemütlichen Arbeitsplätzen, die Unpässlichkeiten des winterlichen Wetters zu ertragen.

Die angebotenen geowissenschaftlichen Vorlesungen konzentrierten sich auf Island-spezifische Themen wie Glazialgeologie, Vulkanologie und Quartärgeologie, in der es auch überwiegend um Gletscher ging. Probleme mit den Dozenten gab es keine, da auch ein Wechsel von Vorlesungen, in die man sich ursprünglich eingeschrieben hatte, in den ersten Wochen immer möglich war. Mehrere der angebotenen Vorlesungen waren an Exkursionen gekoppelt, die teilweise noch im Semester, teilweise im Anschluss an die Prüfungszeit im Mai angeboten wurden.

Cafeteria in Askja und Schneeverwehungen draußenDer Vorlesungsstil unterschied sich angenehmerweise von der an meiner Fakultät in Tübingen. So war der Eigenanteil durch Hausarbeiten, eigene Vorträge und Abschlussarbeiten deutlich höher, was bei mir auch mit einem effektiverem Lernen verbunden war. Auch die Gruppenstärke in den Vorlesungen war mit 20 bis maximal 30 sehr angenehm und dem Lernklima förderlich.

Prüfungen werden an der Universität zentral organisiert und beginnen zwei Wochen nach dem Ende der Vorlesungen, so dass genügend Zeit zum Lernen bleibt. In manchen Fächern wurde in meinem Fall das Verfassen eines Papers anstatt einer Abschlussklausur verlangt.

Leben

Bereits zur Einschreibung an der Universität von Island ist es möglich, Unterstützung bei der Suche einer Unterkunft anzufordern. Dabei ist kann man sich bereit erklären, möglicherweise ein Zweibettzimmer mit einem anderen Studenten zu beziehen, auch wegen der horrenden Mietpreise. Da ich mich für diese Möglichkeit entschied, wurde mir ein Zimmer in einem Gästehaus im Zentrum von Reykjavík angeboten, das ich für das Semester mit einem französischen Studenten teilte. Dies war in meinem Fall eine gute Wahl, hat aber bei anderen auch zu Problemen und Umzügen geführt. Das Gästehaus war jedoch ein guter Ort, um andere Austauschstudenten kennenzulernen und es herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre. Leider waren die Mietpreise aber bei weitem höher als in universitären Wohnheimen, in denen es überwiegend Einzelzimmer gab.

Die Lebenshaltungskosten in Island sind ausgesprochen hoch. Vor allem Lebensmittel wie Gemüse und Obst, aber vor allem Fleisch und Fisch sind deutlich teurer als in Deutschland. Jedoch gibt es zwischen „`Billigsupermärkten“‚ wie Bónus und den kleineren Geschäften deutliche Preisunterschiede. Die Möglichkeiten des Auslandsbafög sollte man in jedem Fall in Erwägung ziehen, was sich sogar lohnt, wenn man in Deutschland gar nicht förderungsfähig ist.

Eine dringende Empfehlung für die Zeit direkt nach der Ankunft aber auch für den Rest des gesamten Aufenthalts in Island sind die Thermalbäder. Jedes isländische Bad ist im Freien und wird von Thermalwasser gespeist. Hier kann man bei angenehmen Wassertemperaturen Wind und Wetter und sogar die winterliche Dunkelheit vergessen. Für mich haben vor allem regelmäßige Badbesuche mit Freunden das Studium in Reykjavík lebenswert gemacht.

Universitäre Vulkanologie-Exkursion ins Geothermalgebiet nahe Gríndavík

Wer nach Island kommt, will aber vor allem eins: Die sagenhafte Landschaft erkunden. Dies ist im Winter ausgesprochen schwierig. Schnee, kurze Tage und unberechenbares Wetter macht es fast unmöglich, in Gegenden fernab der Hauptstraßen vorzudringen. Die Warnungen von Einheimischen sind absolut gerechtfertigt und man sollte sich nicht leichtfertig auf den Weg machen. Im Winter bieten sich Wanderungen am Hausberg von Reykjavík Esja und Fahrten entlang der Ringstraße an. Ins Hochland vordringen kann man aber selbst Mitte Mai noch nicht, da die meisten Straßen noch unpassierbar sind.

Fazit

Mein Auslandssemester in Island war eine Erfahrung, die ich nicht so schnell vergessen werde. Für die Wintermonate musste ich zwar ein dickes Fell mitbringen, um kurze sonnenarme Tage und Wetterkapriolen zu überstehen. Jedoch boten mir angenehme Lernbedingungen, Thermal-Schwimmbäder und der Kontakt zu anderen Austauschstudenten aus aller Welt genügend Halt, diese Zeit zu überstehen. In Zeiten von schnellen Internetverbindungen, konnte der Kontakt nach Hause nicht abreißen. Als die Tage länger wurden und dabei auch den Aktionsradius für universitäre Exkursionen und Ausflüge erweiterten, begann ich das Land zu lieben. Die Einsamkeit von Lavafeldern, Gletscherzungen, Vulkanketten und Stränden aus schwarzem Vulkansand lässt mich bis heute nicht mehr los.