Nationalitäten

Die vielen isländischen Eindrücke, die hier auf mich einprasseln und über die ich überwiegend blogge, beschränken sich leider auf Schilder, kurze Smalltalkgespräche mit unserem Vermieter, meinem isländischen Kontaktstudenten oder Kunden an meiner Supermarktkasse. Obwohl Isländer sehr offen und kommunikativ sind, wenn man sie anspricht, ist es doch schwierig, wirklich Freunde zu finden. So beschränken sich meine Kontakte hier doch überwiegend auf andere Austauschstudenten, was selbstverständlich auch nicht schlimm und tatsächlich ziemlich bereichernd ist.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Begriff der Nationalität. Was macht mich zu einem Deutschen, abgesehen von meiner Sprache und das ich Schwarzbrot zum Frühstück esse? Was macht mich in den Augen der anderen zu einem Deutschen? Mein portugiesischer Kollege hat eine Antipatie gegen Deutsche, weil Deutschland gegen Portugal bei der letzten Fußball-WM gewonnen hat. Aber was hat das mit mir zu tun?

Wir haben in letzter Zeit über diese Themen diskutiert. Natürlich haben Bilder verschiedener Nationalitäten in Köpfen immer etwas mit Stereotypen zu tun und natürlich gibt es keinen individuellen Menschen, der einem Stereotyp 100%ig gerecht wird.

Dann wäre da noch die Kultur. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, wurde von deutschen Eltern erzogen (die auch deutsch erzogen wurden – das ist ein Henne-Ei-Problem). Gut, ich ging in Deutschland zur Schule. Habe etwas von Schiller und Goethe, Hölderlin und Büchner mitbekommen. Vielleicht etwas mehr als mein französischer Mitbewohner. Aber macht mich das wirklich zu einem Deutschen? Wie sehr beeinflusst Goethe mein Leben, meine Denkweise?

Der Begriff Nationalität entstand im Zuge einer einsetzenden „Globalisierung“: Je mehr Menschen umherreisen konnten, je mehr ein Verkehr von Waren und – viel wichtiger: Gedanken, Nachrichten! – verschickt werden konnten, desto einfacher gelang es, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, zusammen zu gehören. Technik war hier offensichtlich ein Katalysator: Druckerpresse, Eisenbahn, Telegrafie.

Aber was ist Nationalität heute noch? Viele Menschen reisen, allerdings weltweit. Das Internet macht einen Gedankenaustausch über Ländergrenzen hinweg möglich. Die Verbreitung von englisch macht (zuminest in der westlichen Welt) einen Austausch von Gedanken unabhängig von der Sprache möglich.

Und doch gibt es in der Tat Unterschiede zwischen uns. Ich denke, das hat etwas mit „Werten“ zu tun. Letzte Woche in meiner Quartär-Vorlesung musste jeder einen kurzen Vortrag über ein Forschungsinstitut in seinem Heimatland halten. Zwei Kanadier sprachen über Arktisinstitute. Die sind zwar staatlich finanziert, verfolgen aber vor allem wirtschaftliche Ziele: Wie kann man gewinnbringend Ölsande fördern? Wie bald kann man eine Nordwestpassage über die Arktis als Schiffroute nutzen? Und wie kann Kanada davon profitieren?

Ich erzählte etwas über das Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven: Davon, dass Deutschland jährlich 100 Millionen Euro dafür bezahlt, dass u.a. eine deutsche Antarktisstation betrieben wird. Das Institut selbst macht nur Grundlagenforschung. Wirtschaftlichen Output gibt es kaum. Am Ende meines Vortrags war die erste Frage des Kanadiers: Warum macht Deutschland das? Warum liegt es in Deutschlands Interesse, eine Antarktisstation zu betreiben? – Hmm, weil es interessant ist? Weil man dort wissenschaftliche Grundlagenforschung machen kann? Natürlich gibt es viele Gründe dafür, allerdings kaum monetäre.

Vielleicht ist das tatsächlich einer jener ominösen Werte, den ich da ausgegraben habe und der zumindest einen Unterschied zwischen „alter Welt“ und „neuer Welt“ aufzeigt.

Wenn man dann zusammensitzt und quatscht, Musik hört, sich über diverse Internetportale oder Filme austauscht oder zusammen französischen Käse, deutsches Brot und danach eine Flasche italienischen Rotwein trinkt, merkt man doch, wie klein die Welt eigentlich geworden ist.

Ein Kommentar zu “Nationalitäten”

  1. Das ist eine interessante Frage, was eigentlich den Unterschied zwischen den Nationalitäten ausmacht.

    Darüber habe ich mir auch während meines halben Jahres in Italien Gedanken gemacht. Es stimmmt schon – Europa ist sehr klein geworden. Nicht nur, dass man problemlos in kürzester Zeit (beinahe) überall hinkommt, dort auch ohne größere Schwierigkeiten studieren, arbeiten oder eine Weile leben kann – man ißt inzwischen sogar überall (fast) das gleiche. Dennoch gibt es die Unterschiede. Doch sie sind nicht so richtig greifbar.

    Worin besteht denn der Unterschied zwischen Franzosen, Deutschen, Italienern… Für mich ist er die Summe vieler kleiner Dinge, die uns selbverständlich erscheinen, weil wir mit ihnen aufgewachsen sind, in denen wir uns jedoch von anderen Nationalitäten unterscheiden. Jede dieser Eigenschaften, die wir uns langsam angewöhnt haben, ohne uns ihrer überhaupt bewusst zu sein, ergibt zusammen ein Bild, dass man vielleicht als eine Art „nationale Identität“ bezeichnen könnte.

    Zum Beispiel die Art, wie wir uns kleiden. Höre ich da Leute aufschreien, sie kleideten sich doch absolut individuell? Es gebe in Deutschland doch nicht so etwas wie „den“ Kleidungsstil? Unsere Kleidung werde sowieso in Taiwan produziert und überall auf der Welt verkauft? Das stimmt schon. Aber auch wieder nicht.

    Wenn ich mir eine Straße in Italien anschaue und sie mit einer Straße in Deutschland vergleiche, gibt es einen Unterschied. Und zwar nicht, wenn ich das Individuum ansehe, sondern die Masse. Insgesamt kann ich dann schon sagen, die Italiener sind modischer gekleidet – böse gesagt aufgetakelter – als wir Deutsche. Das ist vielleicht ein dummes Beispiel, denn die Identität eines Menschen definiert sich ja meist nicht über die Kleidung. Aber es gibt viele dieser Dinge. In Italien herrscht auch meist ein höherer Geräuschpegel als hier – seien es die knatternden Vespas, die auch noch so schmale Gassen unsicher machen, zeternde Mamas oder ausgelassene Studenten. Und: Das Essen spielt eine größere Rolle. Das sage ich, obwohl meine Mitbewohnerin sich in erster Linie von Cornflakes mit Fruchtjoghurt ernährte. Ausnahmen gibt es überall und, wie man so schön sagt, sie bestätigen die Regel.

    Vielleicht ist es so schwer zu sagen, was uns unterscheidet, weil man es nicht an einem Punkt, an einer Eigenschaft festmachen kann. Es ist nicht das dunkle Brot oder Goethe allein. Aber zum Teil. Genauso wie die Tatsache, dass ich über die DB schimpfe, weil sie öfters mal 10 Minuten Verspätung hat, wähernd in Italien Verspätungen sowieso erst ab fünf bis zehn Minuten als solche angesagt werden. Dass es für mich wie eine fremde Welt erscheint, wenn in einer Pizzeria eine Gruppe von Jugendlichen mti Gitarren und Gesang einen großen Tisch voller Erwachsener dazu bringt, lauthals mitzusingen und Faxen zu machen.

    Es ist schön, dass es solche Unterschiede gibt. Und es ist schön, dass die Welt klein geworden ist und man diese Unterschiede erleben und sich von ihnen bereichern lassen kann!

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