Snæfellsnes: Sonnige Südküste

Nachdem uns der Wind an unserem zweiten Tag auf der Snæfellsnes-Halbinsel fast weggeblasen hatte, begann der Karfreitag deutlich freundlicher. Von unserem Hostel in Grundarfjörður an der Nordküste fuhren wir über die gut ausgebaute Passstraße auf die Südseite. Einige nächtliche Wolken hatten noch nichts vom Sonnenaufgang mitbekommen, wurden aber bereits von ihr durchflutet, was uns das Gefühl gab, den Neubeginn der Welt direkt mitzuerleben. Alles, was diese Stimmung richtig beschreibt, klingt irgendwie aufgesetzt. Von dem Erlebten können wohl am besten die Bilder erzählen.

Der Weg an die Südkueste führt uns wieder über die Passstrasse, die wir schon bei unserer Anfahrt genommen hatten. Ihr höchster Punkt führt an einer Reihe von Bergseen vorbei, die wir bereits damals fotografiert hatten, jedoch bei komplett anderem Licht. Es ist kaum vorstellbar, dass es dieselbe Landschaft wie zwei Tage zuvor ist, die sich da unter uns ausbreitet. Was vorher in regennassen, dunklen Farben schwarz, braun und etwas grün da lag, ist jetzt von einer feinen Decke Neuschnee überzogen und glitzert freundlich in der Sonne. Wie eine Märchenlandschaft, mit pastelligen Farben an den Horizont gemalt, liegen der zugefrorene See, das Lavafeld und die Berge da. Irgendwie surreal… aber schön.

Die Südküste der Halbinsel erwartete uns freundlich. Hier ist die Vegetationsdecke deutlich dichter und es hatte auch weniger geschneit. Unter Vegetation sind natürlich keine üppigen Grünflächen oder gar Wälder gemeint. Die Lavafelder an der Südküste sind jedoch fast überall von (noch braunem) Gras bewachsen, an manchen Stellen mit weißen, grünen und roten Flechten oder mit Moos. Alle 20 km schiebt sich ein kleiner aufgeforsteter Wald mit winzigen Nadelbäumen ins Sichtfeld.

Snæfellsnes besteht aus einem hohen (bis knapp über 1.000 m) Gebirgszug, der sich von Ost nach West über die Insel zieht und an deren westlichstem Ende der Stratovulkan Snæfell steht, der vom Gletscher Snæfellsjökull gekrönt wird. Die Halbinsel wird beschrieben als „Island im Kleinformat“. Hier gibt es alles, was man im ganzen Land finden kann, nur leicht miniaturisiert und damit deutlich besser erreichbar: Pitureske Lavafelder, hohe schroffe Berge, eine Steilküste, schwarze und goldbraune Sandstrände und einen Gletscher.

Nach einigen Kilometer Fahrt gen West, vorbei an der atemberaubenden Bergkulisse und einem strahlend blauen Atlantik schiebt sich der Vulkangletscher – oder Gletschervulkan – ins Bild, wobei er sich noch hinter einem Wolkenband versteckt, aus dem einige Eisspitzen hervorragen. Unseren ersten Stopp machen wir in Buðir, einem längst verlassenen Fischerdorf, an dessen Stelle heute ein angenehm kleines Hotel steht. Geht man wenige Schritte weiter, hebt sich eine kleine schwarze Holzkirche aus dem beige-braun des bewachsenen Lavafelds hervor, die hier völlig einsam steht, direkt vor dem unendlichen Atlantik. Der niedrige Steinwall, der sie umgibt, schützt eine Handvoll Kreuze auf dem winzigen Friedhof, die vor der majestätischen Bergkulisse auf die nimmer endende Brandung hinter den Dünen blicken.

Der Weg zum Meer ist nicht weit, nach wenigen Schritten wird die Sicht frei auf einen goldenen Strand, in den die Brandung unzählige feine Rippeln geformt hat. Der Sand ist höchst ungewöhnlich: Schaut man ihn sich genauer an, dann sieht man, dass er aus sehr verschiedenartigen Bestandteilen besteht. Da sind kleine schwarze Lavasteinchen, perlmuttschimmernde Muschelstückchen, grün-gläsern glänzende Olivinsplitter und größere braune Körner, die dem Sand seine goldene Farbe geben. Egal wohin man sich dreht, die Sicht ist atemberaubend! In die eine Richtung der tiefblaue Atlantik, der Strand, auf den schwarze Felsen aufgetürmt liegen, hinter einem die schwarze Kirche in der gelben Grasweite und hinter allem die schneebedeckte Bergkette, wo sich das weiße Haupt des Snæfellsjökull immer weiter aus den Wolken schiebt.

Als wir genügend Sonne, Farben und klare Luft getankt haben, setzen wir unsere Tour fort. Nächstes Ziel ist der winzige Fischerort Arnastapi, der gerade einmal 15 Einwohner hat. Schon beim Aussteigen aus dem Auto begrüßt uns das Geräusch, das uns in den nächsten zwei Stunden bei unserer kleinen Wanderung an der Küste entlang zum nächsten Ort Hellnar (9 Einwohner) nicht mehr verlassen wird: Das Gekreische und Gezeter der Möwen. Obwohl wir nur wenige Kilometer gefahren sind, sieht die Küste hier völlig anders aus: Statt dem sanften goldenen Strand ragen hier steile Felsen ins Wasser. Sie sind aus pechschwarzem Basalt, der mit seiner Säulenform bizarre Felsformationen schafft. Torbögen, Pfeilerbündel, natürliche Treppen… und die unzähligen Stufen im Basalt sind besetzt mit hunderten von Möwen. Die Luft ist erfüllt von ihrem Gekreische, mit dem sie Neuankömmlinge bergrüßen, denn es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Mindestens genauso viele Vögel, wie dort sitzen, segeln durch die Luft und umkreisen die Felsen mit eleganten Manövern.

Es ist kaum vorstellbar, dass sich im Laufe des Jahres noch unzählige weitere Vogelarten zu den Möven gesellen werden, um auf den Felsen an und vor der Küste zu nisten, scheint es doch jetzt schon recht eng zuzugehen. Was muss das für ein Gedränge sein!

Der Weg nach Hellnar ist nicht weit, aber da wir begeistert zu jeder Felsspitze laufen, um auch ja keinen der berauschenden Ausblicke zu verpassen, brauchen wir doch anderthalb Stunden dafür. Die zweite Hälfte des Weges führt nicht mehr über das gelbe, strohige Gras, sondern über ein kantiges Lavafeld, dessen runzlige, kantige Oberfläche von rötlichen Heidegewächsen bedeckt wird. Vor lauter Begeisterung über die Vogelfelsen entdecken wir eher beiläufig, dass der mächtige Snæfellsjökull nun ganz zu sehen ist.

Hellnar mag zwar winzig sein, doch es besitzt ein süsses kleines Café direkt am schwarzen Steinstrand, in das auch isländische Großfamilien bei ihrem Karfreitagsausflug gerne einkehren. Die Sonne scheint warm und es ist windstill, so dass wir Kaffee und eine herrliche Waffel mit Rhabarbermarmelade tatsächlich im Freien genießen können!

Zurück in Arnastapi machen wir uns auf, den Snæfellsjökull an der Westspitze der Halbinsel zu umrunden. Die Straße ist teilweise noch nicht geteert, doch glücklicherweise ist das schlaglochübersähte Stück nicht sehr lange. Inzwischen steht die Sonne schon recht tief und es ist etwas diesig geworden. Die Landschaft wird hier dominiert von Lavafeldern, die so gut wie schneefrei daliegen. Das Moos, das auf ihnen wächst, ist das grünste, was ich bislang in Island gesehen habe…

Da wir doch schon recht erschlagen von all den neuen Eindruecken des Tages sind, machen wir uns ohne weitere Erkundungen auf den Heimweg an der Nordküste entlang.

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2 Kommentare zu “Snæfellsnes: Sonnige Südküste”

  1. Mann sieht das bei euch kalt aus! Aber sauschön!!!

  2. wunderschön gemacht! freue mich sehr, das bald auch mal sehen zu können.

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