Tag 3: Am Mývatn

Nachdem wir in der vorangegangenen Nacht in Akureyri auf dem direktesten Wege zur Jugendherberge gefahren waren, eröffnete sich uns nun, dass wir tatsächlich in einem tiefen Fjord genächtigt hatten. Das Regenwetter des Abends hatte uns diese Tatsache geschickt verschleiert. Akureyri bei Sonnenschein ist sicher schön, jedoch sind wir nicht für Stadtbesichtigungen nach Island gekommen. Also machen wir uns auf, über die Ringstraße weiter gen Osten zu fahren. Diese führt auf die andere Fjordseite und uns eröffnet sich die Stadt und die dahinter liegenden Berghänge in doppelter Ausführung – so klar ist das Wasser im Fjord.

Wir fahren durch ein vegetations- und für isländische Verhältnisse baumreiches Gebiet auf den großen See Mývatn zu und vorbei am Wasserfall Goðafoss.

Am frühen Vormittag erreichen wir unsere Herberge und entscheiden uns, dass hervorragende Wetter für eine ausgedehnte Wanderung zu nutzen. Es geht vom Ort Reykjahlið direkt am See in Richtung Norden durch ein mit niedrigen Birken und allerlei bodennahem Gepflänz bewachsenes Lavafeld. Kleine Lavahöhlen, kreisrunde Stricklavamuster und die aufblühende Fauna sind besonders wirkungsvoll im strahlenden Sonnenschein und wir genießen die Wärme des Tages. Gegen Mittag erreichen wir eine mehrere hundert Meter lange Spalte, die relativ jung zu sein scheint. Dies ist wenig verwunderlich, immerhin befinden wir uns inmitten der vulkanischen Zone Islands, welche die Insel diagonal verläuft. Die Spalte hat die Lava wie einen Zehnagel auf beiden Seiten mehrere Meter hochgebogen und dazwischen einen etwa einen Meter breiten und dutzende Meter tiefen Spalt freigelegt. Man hat das Gefühl, es könnte jederzeit wieder Lava daraus emporsteigen, immerhin dampft es an mehreren Stellen gefährlich.

Da wir keine Erdbeben spüren und auch sonst alles relativ ruhig erscheint, entscheiden wir uns weiterzuwandern. Unser nächstes Ziel liegt bereits seit dem Beginn unserer Wanderung direkt vor uns: Der gut 400 Meter breite und 300 Meter hohe Krater Hverfell. Bereits von außen wirkt er wie ein Schulbuchkrater: Die absolut symmetrischen Bergflanken geben einen ersten Eindruck davon, dass der Aufstieg lohnt. Wenige Schweißperlen später erreichen wir den Rand und blicken auf einen innen wie außen ideal geformten Explosionskrater mit einem 20 Meter hohen Kegel im Zentrum. Die Reiseführer-Warnungen von Graffiti im Kraterinnern erweisen sich als harmlos: Nicht etwa Spraydosen haben skrupellose Halbverbrecher über den Rand geschleppt sondern nur Myriaden weißer Steine, die hier auf dem pechschwarzen Kraterboden zu hunderten Schriftzügen zusammengelegt wurden. Wir lesen, dass der Krater während einer Reihe phreatomagmatischer Explosionen entstand, wo also ausströmende Lava Grundwasser sehr schnell erhitzte und dieses explosionsartig entwich. Diese Art von Eruption gehört zu den gewaltigsten vulkanischen Ereignissen, was wir leicht an den schieren Ausmaßen des Hverfell sehen können.

Nördlich des Kraters schließt sich ein besonderes Lavafeld an. Ein Wall aus hohen Türmen mit Zinnen bildet eine kleine Stadt, auf die wir geradewegs zulaufen. Ein versteinerter Troll blickt uns grimmig entgegen, als wir uns der Stadtgrenze nähern. Er verlangt von uns, die Bauten der unsichtbaren Bewohner zu achten und verspricht, uns unter dieser Bedingung einzulassen. Wir verneigen uns ehrfürchtig und treten in die engen Gassen. Wir entdecken nicht fertiggebaute Kanalsysteme – armbreite Lavatunnel, die teilweise unterbrochen sind. Da sind kleine Höhlen, in denen Gnome leben und die ihre Wände mit fluoreszierenden Flechten beleuchten. Plötzlich ertönt aus der Ferne eine liebliche Melodie, die sich fast mit dem Säuseln des Windes in den engen Lavaspalten verwechseln lässt: Mit ehrfurchtsvoll gesenkten Blicken laufen wir an einem Elfenpalast vorbei, in deren Zinnen eine Hochgeborene ihr güldenes Haar kämmt und dabei jahrtausende alte Liebeslieder summt. Im Zentrum durchqueren wir die Grünanlagen der Stadt: Hier gedeihen Birken, dichte Hecken und kleine Gebirgsblumen und dienen den Stadteinwohnern zur Erholung. Schließlich erreichen wir das gewaltige Haupttor der Stadt, das uns zurück in die Menschenwelt führen wird: Es ist gut zehn Meter hoch und zeigt an den Seiten Gesichter der früheren Herrscher der Stadt, darunter liebliche Elfenprofile und grässliche Grimassen grausamer Trolltyrannen, die in schlechten Zeiten mit Hilfe der in den umgebenden Vulkane lebenden Drachen das Zepter an sich reißen konnten.

Lava gehört zu den normalsten Dingen in Island: Schon im Bus von Flughafen nach Reykjavík durchfährt man ein 40 Kilometer langes – und ein Großteil der Insel wird nicht etwa von Gletschern bedeckt, sondern von Lava. Dabei gibt es viele unterschiedliche Formen, wobei das von Dimmuborgir das sonderbarste ist. Es entstand, als ein Wall bereits erkalteter Lava einen Lavasee aufstaute, in dessen Innern ebenfalls langsam eine Abkühlung begann. Schließlich konnte der Damm dem Druck nicht mehr standhalten und brach – und die Lava ergoss sich in die Umgebung. Übrig blieben Schornsteine und Inseln erkalteten Gesteins und formte die Elfenstadt.

Nach soviel Wandern sind wir müde und hoffen, an der Straße die letzten fünf Kilometer zurücktrampen zu können, was in Island einfach ist, wenn denn ein Auto kommt. Tatsächlich ist dies die Straße Nummer 1, die Ringstraße, welche die Insel komplett umspannt. Wir müssen dennoch gut 15 Minuten warten, bis der erste Wagen in unserer Richtung kommt, hält und uns in Richtung Reykjahlið mitnimmt.

Unsere Herberge heißt Bjarg und ist ein kleines Gästehaus mit angeschlossenem Campingplatz an den Ufern des Mývatn. Das nette Besitzerpaar verlangt den normalen Jugendherbergenpreis, gibt uns aber als „Schlafsackunterkunft“ ein kleines, stilvoll eingerichtetes Zimmer mit Blick direkt auf den See.

Ein Kommentar zu “Tag 3: Am Mývatn”

  1. […] fahren noch einmal zurück zum Mývatn, der heute so anders aussieht als tags zuvor. Der flache See ist übersäht mit kleinen Inseln, die alle entstanden, als noch fließende Lava […]

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