Wasserfälle und ewiges Eis

Karl ist schon ein Glückspilz. Oder besitzt er einfach eine natürliche Ausstrahlung großer Zuverlässigkeit? Wie dem auch sei, ungeachtet unseres etwas anderen „Schlüsselerlebnisses“ bekam er von der Autovermietung das Angebot, nach Ostern einen Wagen mit Vierradantrieb zum Preis des kleinsten Autos zu mieten. Sozusagen als Freundschaftsrabatt fuer einen treuen Kunden. Zusammen mit Lea, die gerade ebenfalls Deutschland-Besuch hatte, planten wir eine zweitägige Tour in den Süden Islands, für die wir dieses Angebot wahrnehmen wollten. So ganz trauten wir unseren Augen nicht, als wir „unser“ Auto gezeigt bekamen: Das größte – und damit eigentlich teuerste – der Autovermietung, für geradezu lächerliche 2500 Kronen am Tag – was noch nicht einmal 25€ sind und damit gerade mal halb so viel, wie ein Kleinwagen normalerweise kostet. Etwas protzig kamen wir uns schon vor – doch dafür standen uns nun auch die Wege offen, die wir sonst nie hätten fahren können!

Unser Ziel waren die drei kleineren Gletscher westlich von Vík, der am südlichsten gelegenen Stadt Islands. Die kleineren Gletscher Tindfjallajökull und Eyjafjallajökull bilden zwischen sich ein flaches Tal, das hinten vom großen Mýrdalsjökull begrenzt wird. Dorthin führt nur eine Schotterstrasse, die mit normalem PKW nicht befahrbar ist. Mit Vierradantrieb ist der Weg allerdings problemlos machbar.

Am Eingang des Tales liegt der Seljalandsfoss, der größte in einer ganzen Reihe von Wasserfällen, die viele Meter an der steilen Felswand hinunterstürzen. Der Fels hinter den tosenden Wassermassen ist ausgehölt, so dass man hinter dem Wasserfall vorbeilaufen und durch die Wasserschleier wie durch einen tanzenden Vorhang in die Ebene blicken kann. Dafür nehmen wir sogar in Kauf, nach der Runde durch den Sprühregen wie begossene Pudel auszusehen…

Zum Glück scheint die Sonne, so dass wir keine weitere Dusche von oben zu befürchten haben! Wir fliehen vor einem ankommenden Touristenbus und machen uns auf den Weg ins Tal. Unser Ziel ist die Gletscherzunge Gígjökull des Eyjafjallajökull, die bis in die Ebene hineinragt. Es ist eine Sanderebene, durch die wir fahren, gebildet von Sedimenten, die das Gletscherwasser auf seinem Weg zum Meer hier zurückgelassen hat. Der schwarze Sand wird durchzogen von kleinen, tiefblauen Bächen, von denen wir auch einige mit dem Auto passieren müssen.

Nach anfänglichem Zögern entwickelt unser Fahrer dabei großen Spaß… Auch Findlinge in allen Größen liegen im Tal verstreut – wie von einem Riesen achtlos hingeworfene Bauklötze.

Ganz bis zur Gletscherzunge kommen wir nicht – ein etwas tieferer Bach flößt uns genug Respekt ein, dass wir das Auto stehen lassen und den restlichen Weg zu Fuss zurückzulegen. Wir halten auf eine große Moräne zu, die uns den Blick auf den Gletscher versperrt. Zu Fuß bemerken wir, wie dicht die Vegetation in dieser Ebene ist. Alle möglichen Moose und Flechten, aber auch kleinere Sträucher und andere genügsame Pflanzen bilden eine dichte Decke auf dem schwarzen Sand. Es ist ein unwirkliches Gefühl, als einzige Menschen in dieser riesigen Ebene unterwegs zu sein. Schließlich erklimmen wir den unteren Teil der Moräne und haben freien Blick auf den Gígjökull. Blau glitzert das Eis in der Sonne, das sich von unzähligen Rissen durchzogen steil nach unten ergießt. Umrahmt von Moränen aus schwarzem Sand und Schotter liegt die Gletscherlagune da, ein zugefrorener See, aus dem Eisberge ragen. Alles, was man hört, ist ein Rauschen unter dem Eis und das Sausen des Windes in den Ohren. Ein schöner Ort!

Lea und Micha haben sich in den Kopf gesetzt, bis zum Gletschertor zu laufen – doch Karl und ich lassen uns lieber nicht auf Klettereien über die Moräne ein, von der immer wieder kleinere Steine vom Wind gelöst nach unten poltern, sondern spazieren ein wenig auf der anderen Seite der Lagune herum und genießen die Sonne – was uns vor nassen Füßen bewahrt…

Die nächste Station unseres Ausflugs ist wieder über die große Ringstraße erreichbar: Etwas weiter im Osten stürzt der Skógafoss tosend 63 m in die Tiefe. Dieses Wunder der Natur haben wir ganz für uns alleine.

Die Sonne zaubert einen Regenbogen in die Gischt, durch die sich unzählige Eiszapfen an der Felswand gebildet haben. Je näher wir auf den Wasserfall zukommen, umso näher und greifbarer rückt auch der Regenbogen – ich stehe unter ihm, in ihm… und da sehe ich sie: die schwere Holztruhe voller glitzernder Goldstücke! Ein Elfengesicht lukt aus dem Felsen hervor und nickt mir aufmunternd zu. Ich grüße zurück und greife nach der Kiste… Doch dann treibt mir der Wind einen Schwall Wassertropfen in die Augen, ich muss blinzeln – und die Kiste mit dem Gold ist verschwunden. Statt dessen steht ein grinsender Karl unter dem Regenbogen – na ja, es sind eben nicht alle Schätze aus Gold!

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5 Kommentare zu “Wasserfälle und ewiges Eis”

  1. 1. So gut geschriebene Texte kann man nicht kommentarlos lassen.
    Ich habe schon einmal bei einem Perugia-Text über dein
    literarisches Können gestaunt.
    2. In Wolfgang Müllers: Neues von der Elfenfront – Die Wahrheit
    über Island reflektiert er auch darüber: Es ist ein Privileg
    reicher, moderner Gesellschaften, so unwirtliche Orte als
    schön zu empfinden. Das hat sich historisch gewandelt.
    (Das Buch ist im Osterpäckchen)

  2. […] Wasserfällen und Gletscherzungen ist der erste Tag im Süden Islands zwar schon sehr ausgefüllt gewesen, doch die windige Insel des […]

  3. […] erstmal zurück zum letzten Tag unseres Ausflugs zur Südküste. Am ersten Tag hatten wir ja schon riesige Wasserfälle, einen blauen Gletscher, und einen sehr harten Schneehaufen […]

  4. […] einem schnell die Sprache verschlägt. Ich kannte auch schon einige besonders ästhetische isländische Gletscher, so dass ich nicht erwartet hätte, in den Alpen Vergleichbares zu finden. Meine schwachen […]

  5. […] Jökulhlaup von 2010 ist bei weitem nicht so schlimm. Als ich im März 2008 einen Ausflug in die Gegend machte, war es noch friedlich. Durch das Markafljótsaurar zogen ein paar Rinnsale, […]

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